Arroganz ist gut für die Karriere

Kommt man arrogant besser durchs Leben? Ja, behauptet ein Skandinavier. Ein wenig Selbstherrlichkeit sieht man bei den meisten Alphatieren. Warum wir dieses Gefühl verachten – und heimlich verehren.

Herzlichen Glückwunsch! Dies ist wahrscheinlich das beste Buch, das Sie je aufgeschlagen haben.“ Wer wie Ari Turunen solch einen Eingangssatz niederschreibt, dem mangelt es zumindest nicht an Selbstbewusstsein. Oder er hat viel Humor, denn Turunens „kurze Geschichte der Arroganz“ richtet sich ja gerade gegen die Selbstüberschätzung, die aus dem Entree des Autors spricht. Glaubt er wirklich, er könne es mit Homer, Goethe, Tolstoi oder gar mit Rainald Goetz aufnehmen? Ist also alles unernst gemeint?

Im Gegenteil: Schaut man sich seine eigenen Mitmenschen auch nur oberflächlich an, blickt man auf die Helden der Weltgeschichte, auf bewunderte Filmstars und vielleicht auch mal in den Spiegel, dann kann man diesem finnischen Wissenschaftsjournalisten nur schwer widersprechen: Arroganz ist „verblüffend aktuell“.

Zukopfsteigen ist ein chemischer Prozess

Wie es kommt, dass so viele Menschen ihre Zeitgenossen schlecht behandeln und sich selbst Allmacht und Allwissenheit anmaßen, dazu haben Medizin und Psychologie belastbares Material geliefert. „Zukopfsteigen“, so Turunen, „ist ein chemischer Prozess“. Demnach wären Größenwahnsinnige und machtverliebte Alphatiere ganz gewöhnliche Junkies, nur dass sie sich ihren Kick eben mit Serotonin und Dopamin besorgen – zwei Botenstoffe, die mit männlichem Imponiergehabe, Kloppereien und Harem schon die dicksten Gorillas high gemacht haben.

Bei unsereinem sind es eben vorzugsweise die Fieslinge, die vom Kindergarten an gerne Schwächere in den Senkel stellen und sich mit vorlauter Brutalität in den Vordergrund schieben – also leider genau die Exemplare unserer Spezies, die im späteren Leben viel zu oft als Abteilungsleiter, Firmenvorstand, Mittelstürmer oder gar Staatspräsident enden.

Sind arrogante Menschen auch böse?

Turunen lenkt für diese besorgniserregende Analyse unseren Blick auf den skandinavischen Psychologen Dan Åke Olweus. Der hat aus seiner Großstudie über Mobbing in der Schule den tristen Schluss gezogen, dass etwa sieben Prozent aller Kinder zu Arroganz und Gewalttätigkeit neigen und dass neun Prozent der Mitmenschen für sie als ideale Sündenböcke und Opfer taugen, weil sie sich nicht wehren können. Olweus weist nach, dass von seinen sieben Prozent Rüpel mehr als die Hälfte schon vor dem 25. Geburtstag wegen Straftaten verurteilt wurden, wohingegen die friedlichen neun Zehntel fast gar nicht vor den Kadi kamen.

Das Böse wohnt also mitten unter uns. Schaut man sich die Entstehung totalitärer Gesellschaften an, verlaufen solche Dramen verblüffend nach dem Olweus-Muster: Eine kleine Gruppe gewalttätiger Fanatiker – seien es nun Nazis, Kommunisten, Islamisten – dominiert immer dreister die Mehrheit und agiert die eigene Wut schamlos an einer willkürlichen Opfergruppe (Juden, Kulaken, Ungläubige) aus.

Ari Turunen hat für diesen Terror der Auserwählten keinerlei Respekt. Als Mitglied einer der egalitärsten Gesellschaften, nämlich als braver Finne, zählt er angeekelt die schlimmen Bilanzen historischer Supermobber herunter. Weder Napoleon mit seinen sechs Millionen Opfern noch König Johann Ohneland, der um 1200 ganz England mit seinen egomanischen Spleens und Bluttaten gegen sich aufbrachte, weder Mao (mindestens 30 Millionen Tote) noch der Belgierkönig Leopold II. (10 Millionen Leichen im Kongo) werden bei der tour de force durch die Weltgeschichte übersehen.

Dass hinterher blutrünstige Irre wie Stalin oder Timur Lenk in ihren gebeutelten Nationen als Riesenstaatsmänner Denkmäler bekommen und als Helden verehrt werden, führt zu Turunens resignierter Folgerung: Mit Gewalt und Arroganz kommt man im Leben durchaus voran.

Zum psychologischen Reservoir dieser Fehlgeleiteten gehören Eigenschaften, die wir alle an uns kennen, nur eben nicht im Makromaßstab: Eigene Fehler werden prinzipiell geleugnet, Kritiker mundtot gemacht, die Mitmenschen herabgemindert, abweichende Meinungen überhört und schlussendlich das kleine Ich disproportional verherrlicht.

Berufe mit Hang zur Arroganz

Vor allem bei den römischen Päpsten, nicht nur des Mittelalters, mit ihrem wahnwitzigen Unfehlbarkeitsanspruch, ihrem Prinzipat über alle Könige auf Erden und ihren Ketzerverfolgungen findet der spürbar angeekelte Turunen bestes Material für seine Diagnosen. Doch folgerichtig führt die Fährte der gefährlichen Anmaßung auch ins aktuelle Wirtschaftsleben, denn gerade hier gibt es keine Volksabstimmungen und öffentlichen Debatten, mit denen sich individuelle Maßlosigkeit etwas dämpfen ließe.

Regelrecht lustig wirkt noch die Anekdote um den Decca-Geschäftsführer Dick Rowe, der 1962 einer namenlosen Liverpooler Gitarrenband keinen Plattenvertrag gab, weil solche Musik „aus der Mode“ gekommen sei. Ähnlich wie den Beatles erging es anfangs auch der Autorin J. K. Rowling, deren sonderbare Kinderbücher von neun Verlegern abgelehnt wurden.

Es muss nicht immer der Manager sein

Turunen, augenscheinlich ein Mann des Ausgleichs, geißelt größenwahnsinnige Manager wie Kaj-Erik Relander, der als Boss die finnische Telefongesellschaft Sonera mit Milliardenverlusten in den Abgrund jagte, oder den übergeschnappten Enron-Chef Jeff Skilling, der nach Bilanzmanipulationen und schmutzigen Stromgeschäften im Gefängnis landete.

Aus deutscher Perspektive fällt einem spontan der Name Thomas Middelhoff ein, doch sind solche individuellen Ausraster ein Klacks gegen die kollektive Arroganz der Bankenbranche, die seit den Neunzigerjahren die Weltwirtschaft umkrempelt, viele Millionen Menschenleben ruiniert, öffentliche Haushalte plündert und sich dafür auch noch mit Milliarden an steuerfreien Boni schadlos hält. Arroganz mag also, biochemisch betrachtet, ein Hirnschaden sein. Aber sie funktioniert immer wieder prächtig.

Auch Künstler können Arroganz

Turunen ergötzt sich so sehr an seinem Horrorkabinett fieser Alphatiere, dass ihm auch schon mal Irrtümer unterlaufen, wenn er beispielsweise den deutschen Raketenforscher Wernher von Braun mit dem Vornamen „Herbert“ ausstattet, wobei ihm vielleicht der auch nicht gerade bescheidene Lookalike Herbert von Karajan vor Augen stand.

Auch der komplette Missgriff von Mobutu Sese Seko als „Schreckensherrscher im ehemaligen Simbabwe“ ist dem Lektorat durchgerutscht – eine der diversen Wurschtigkeiten, die nicht wirklich zum Bescheidenheitsgestus des Autors passen wollen. Das ergiebige Thema des Buches wird dabei verschenkt, weil Turunen mit durchaus sympathischem Abscheu seine ethischen Argumente gegen die Geißel der Anmaßung im menschlichen Miteinander vorbringt.

Arroganz hat Anhänger

Warum aber gieren Milliarden von Zeitgenossen dann geradezu nach Verehrung arroganter und abgehobener Existenzen wie Popsängern, Fußballern oder Hollywoodstars? Warum schaffen es immer wieder egozentrische Bösewichte auf Chefsessel und Regierungsbänke?

Turunen hat für die unausrottbare Allgegenwart von Menschen, die sich von niemandem das Wasser reichen lassen wollen, ein paar Hypothesen. Wer Macht erringt, um Regeln zum eigenen Vorteil zu brechen, kann dabei sehr weit kommen. Eliten schotten sich mit absurden Regeln und Privilegien gegen ehrliche Konkurrenz ab. Fieslinge intrigieren und manipulieren erfolgreich ihre Umwelt, während sich ehrliche, aber naivere Kollegen dem Gemeinwohl widmen.

Doch wenn wir Turunen glauben wollen, dann müsste am Ende der Größenwahn immer in die Katastrophe führen, wohingegen egalitäre Systeme sich langfristig durchsetzen. Ein Blick auf die Regierungen der Welt und die Akteure des Kapitalismus widerlegt diese rosarote Einschätzung leider auf ganzer Linie.

Der Homo arrogans

In Wahrheit ist es wohl so, dass alle soziale Organisation des Homo sapiens arrogans in einer Gemengelage aus Aggressivität, Betrug, Egomanie einerseits und Kooperation, Ehrlichkeit, Zurückhaltung andererseits geschieht. Mal geht es also eher sanft zu, mal eher ruppig, mit Ausrastern vor allem ins Brutale. Darum wird das Phänomen der Arroganz, weil es unserer Evolution zugrunde liegt, auch niemals ausgerottet werden.

Turunens Schnelldurchlauf durch das Panoptikum der Arroganz ist also nicht das beste Buch, das wir je aufgeschlagen haben. Doch es bietet allerhand kuriose Funde wie den Ursprung des Begriffs „Snob“ unter den neureich-bürgerlichen Mitgliedern in britischen Adelsklubs. Oder eine Umfrage bei Hotelbediensteten, der zufolge französische Reisende weltweit mit Abstand die unbeliebtesten und anmaßendsten sind, vor allem weil sie andere Idiome als minderwertig betrachten. Vielleicht hätte Dominique Strauss-Kahn Turunens Buch mal aufschlagen sollen.

 

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article145053389/Arroganz-ist-gut-fuer-die-Karriere.html